"Wachträumen"

Der Morgen kommt von draußen herein, gekleidet in Sorge und Erhabenheit, wie ein Verräter, der uns totküsst; wie ein junges Mädchen in Rot, das mich verlassen wird. Ich stehe auf in jeden neuen Morgen, folge den Strömen auf der Straße, um meiner Arbeit nachzugehen. Während ich arbeite, füllen sich meine Ohren mit Rauschen, mit dem Rauschen der verflüchtigten und verkauften Zeit, während ich die Wand vor meinem Gesicht betrachten muss.

Meine Abende sind von verschwiegener Sanftheit. Ich laufe heute wie in den vergangenen Tagen den von Kastanienbäumen gesäumten Weg im Stadtpark entlang, dem ich in meinen Gedanken den Namen „Via Dolorosa“ gegeben habe; dem Schmerz davon, in die Sonne hinein, während Vögel in den Büschen nach Futter suchen. Schlendere dir entgegen, Franziska.

Sie fragen nach Franziska? Ich kann Ihnen nicht sehr viel über sie erzählen. Wir treffen uns seit zwei Wochen abends im Stadtpark, am Brunnen, dort wo alte Menschen sitzen und Schach spielen, wo alte Herren letzte Siege erringen bevor die Sonne untergeht. Wir treffen uns und sprechen über Träume. Woher Franziska gekommen ist, daran erinnere ich mich nicht, so sehr ich es auch versuche. Vielleicht wohnt sie in der Gegend? Oder trat sie aus dem 9-Uhr-Läuten der alten Sankt-Martins-Kirche heraus?

Franziska, dein Name duftet wie frisches Heu, wie die Stadtluft vor dem Gewitter, wie Heimweh, Tod und letzte Liebe. Wann sie mir ihren Namen verraten hätte, das wüsste ich nicht, ja nicht einmal ob Franziska tatsächlich ihr Name ist. Habe nur ich selbst sie so genannt?

Wir breiten unsere Träume voreinander aus, wie Ritter dreckige Tischtücher nach dem Gastmahl zum Beleg dafür, wie voll der Saal gewesen ist, um zu beweisen, dass der Saal wirklich dort steht und dafür, dass Menschen auf der Welt existieren.

Es geht einmal um das Fallen im Traum. Sie meint, dass wer im Traum fällt, auch im Wachleben den Boden unter den Füßen verneinen möchte, den Boden, der uns von der Mitte der Welt abschneidet und auf halber Strecke nicht weiterkommen lässt. Ich widerspreche ihr zum Schein, sie quittiert dies lächelnd und bemerkt, dass ich möglicherweise noch nicht recht gefallen sei.

Sie und ich – Königin:Springer, in Schachmatttänzen durch Zweifarbwelten, bevor die Nacht hereinbricht.

Wieder ein Morgen eines Tages der strengen Uhrenherrschaft auf dem vertikalen Thron dort an der Wand. Es ist wie Alchemie, Blei zu Gold. Ich warte auf Abendrot und Franziska.

Dann laufe ich die Via Dolorosa entlang. Eine grünliche Eidechse trippelt über den Weg, russische Sätze fliegen durch die Luft, von den Schachspielern her. Manchmal glaube ich, dass deren Schachspiel ewig dauern muss, dass das Gleichgewicht der Welt von diesen kleinen Schwarzweißtheatern herrührt und wären diese Männer nicht, so endete die Welt noch am selben Tag.

Franziska ist heute wunderschön, wie nach einer geheimen Offenbarung. Wir reden von der geträumten Liebe. Gibt es Liebe, die nicht geträumt ist? Nur in Büchern, sagt sie. Und selbst dort flackert das Fluidum der Traumliebe wie eine Buchstabenkorona weiter himmelwärts. Zum Abschied gibt sie mir ihre Hand.

Auf dem Heimweg entschließe ich mich, in einem Café halt zu machen. Exil. An den Wänden kleben kleine Bilder von Libellen und die Lichter der Tischkerzen tanzen eine Sarabande. Ich trinke Rotwein, trinke ihn langsam wie die Ahnung einer Gefahr.

Der große Abend auf der Via Dolorosa. Wo bleibt Franziska? Ich sehe heute nur wenige Schauspieler *. Und sie ist nirgendwo. Eine halbe Stunde vergeht. Nichts. Rubinrote Dämmerung in C-Moll schwebt aus den Himmeln abwärts über mein Gesicht.

Vielleicht habe ich hier nie auf jemanden gewartet? Habe diese Gespräche nie geführt? Ich werde nachhause gehen. In die kleine Wohnung im 6. Stock. In das Zimmer, in dem die Uhr stehen geblieben ist. Mich auf das Bett legen und schlafen. Mich wachträumen.

* stimmt so! d. Autor


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