"Das englische Taxi"

Eines Dienstags gegen Abend treten aus dem Bahnhofsgebäude der Ortschaft Markt Winnsing zwei Herren in Schwarz heraus. Es ist Dezember, der Bahnhof und die Geschäfte in der Winnsinger Bahnhofstraße sind der Jahreszeit entsprechend weihnachtlich dekoriert. Kraftlos leuchten Lichterketten in den Schaufenstern der kurz vor Ladenschluss verzweifelt um Kundschaft buhlenden wenigen Geschäfte.

Das Schwarz des Anzugstoffes der Herren ist durchaus eigenartig anzusehen, und mancher Maler hätte womöglich lebhafte Diskussionen vom Zaun gebrochen über eine korrekte Bezeichnung dieser speziellen Schattierung der Nichtfarbe. Nachtschwarz – Kohlenschwarz - Katholisch-Schwarz - Mittnachtschwarz?

Die Herren gehen auf ein Taxi zu, das Taxi der Martina Wimmer, steigen ein, während die Fahrerin beschließt, dies sei ein langer Tag gewesen, die zwei Männer ihre letzten Fahrgäste für diesen Tag. Kurz fragt sie nach dem Ziel ihrer Passagiere. „Nach Bestelbach“, der Nachbarort. Der Wagen rollt los, an den müden Läden vorbei, vorbei auch an der Pfarrkirche „Mariä Verkündigung“, an handlich-würfelförmigen Einfamilienhäusern, in denen das Glück lebt, oder nur eine ältere Frau, die sich nicht mehr an ihre Kindheit erinnern kann, und vorbei an schlaftrunkenen Äckern die auf das Frühjahr zu warten scheinen.

Vielleicht ist es, um sich wach zu halten, vielleicht aus Sentimentalität, die Taxifahrerin beginnt, Sätze in ihrem Kopf zu formen, schickt Wörter und Worte ins Wageninnere und auf die Straße hinaus, Lebenserfahrungen, Anekdoten, Fragen, auch, ohne eine Antwort zu bekommen; sie fühlt sich auf seltsame Weise verstanden, als träumte sie: als gäbe es sie nicht.

Das Taxi fährt über die Landstraße wie durch ein Jahr, passiert Wegkreuze und Weiher, Niemandslande umrandet von geknicktem Gras, Eulen sitzen in den Bäumen und nicken, während die Fahrerin erzählt und ihre Gäste eine Einladung ausschweigen.

Wieder Würfelhäuser, helle Vierecke: das sind die Fenster, das sind Büsche, und Bäume, schwarze Herren neben der Straße und im Inneren des Wagens; dann teilt sich ein Meer.

Ein Schild, Bestelbach. „Wissen's, wo genau Sie hin müssen?“
„Nein, nein. Noch nicht.“

Ein stechend kalter Wind geht durch die Gassen, heulend wie eine gepeinigte Seele.


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